Domplatz 1 – Zentrum Welterbe Naumburg

Weiterbauen an fast 900 Jahren Baugeschichte

Gegenüber dem Ostchor des Naumburger Doms haben wir die ehemalige Bischofskurie zum Zentrum Welterbe umgebaut. Nach einem europaweit ausgeschriebenen VgV-Verfahren wurden wir 2019 mit der Planung beauftragt. denk mal architektur verantwortete Architektur und Generalplanung in den Leistungsphasen 1 bis 9. Aus dem vielschichtigen Bestand entstand ein öffentlicher Ort für Information, Ausstellung, Bildung und Begegnung – ergänzt durch Hof, Lapidarium und den wiedergewonnenen Kuriengarten.

Verstehen, bevor man verändert

Unsere Arbeit begann mit dem genauen Hinsehen. Nicht die Rückführung auf einen vermeintlich ursprünglichen Zustand war das Ziel, sondern das Verständnis eines Bauwerks, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Romanische, gotische, renaissancezeitliche und barocke Spuren sollten nebeneinander lesbar bleiben. Jeder neue Eingriff musste etwas ermöglichen, ohne das Vorgefundene zu überformen.

Unser von Prof. Regine Hartkopf geleitetes Büro entwickelte den Entwurf und führt das Projekt durch alle Leistungsphasen – von der Grundlagenermittlung bis zur Objektbetreuung. Gartendenkmalpflege und Freiflächenplanung erbrachten wir selbst. Die weiteren Fachplanungen wurden von uns unmittelbar beauftragt, koordiniert und in der Gesamtplanung zusammengeführt.

Auch die Ausstellung entstand innerhalb dieses integralen Planungsprozesses. Mit dem von uns beauftragten Büro Steinert & Bitterling entwickelten wir wesentliche Inhalte und räumliche Lösungen gemeinsam und begleiteten Ausarbeitung und Umsetzung eng.

Architektur, Denkmalpflege, Restaurierung, Tragwerk, technische Ausrüstung, Brandschutz und Ausstellung waren deshalb nicht als voneinander getrennte Disziplinen zu behandeln. Sie mussten aus dem Bestand heraus zu einer gemeinsamen Lösung finden.


Ein Bauwerk aus vielen Zeiten

Die Curia Episcopalis liegt unmittelbar gegenüber dem Ostchor des Naumburger Doms. Ihr ältester Kern ist ein romanischer Wohnturm, dessen Substanz bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurückreicht. Nach dem Stadtbrand von 1532 ließ der letzte katholische Naumburger Bischof Julius Pflug die Anlage zu einer repräsentativen Residenz der Renaissance ausbauen.

Seither wurde die Kurie immer wieder genutzt und verändert: als Wohnsitz, Lazarett, klinische Einrichtung, Gesundheitsamt und Töpferei. Jede Zeit fügte etwas hinzu, anderes ging verloren oder wurde verdeckt.

Zu Beginn unserer Planung waren die räumliche Ordnung der Renaissance und zahlreiche historische Oberflächen unter jüngeren Einbauten und Fassungen kaum noch wahrnehmbar. Der Bestand war nicht eindeutig – gerade darin lag sein Wert.



Freilegungen und Forschungen

Bauhistorische und restauratorische Untersuchungen wurden zur Grundlage des Entwurfs. Unter jüngeren Schichten traten bemalte Deckenbalken, hölzerne Tausäulen, Bohlenstuben, historische Putze und Wandmalereien bis in das Dachgeschoss hervor. Dort fand sich auch der farbig gefasste Eisvogel, der heute als „Henri“ vor allem jüngere Besucherinnen und Besucher durch die Ausstellung und die Geschichte der Kurie begleitet.

Wo es die Substanz erlaubte, nahmen wir spätere Unterteilungen zurück und machten wesentliche Raumzusammenhänge des 16. Jahrhunderts wieder erfahrbar. Freigelegte Konstruktionen, Malereien, Putze und Gebrauchsspuren wurden gesichert und in die neue Raumfolge einbezogen. Die Ergänzungen der Gegenwart ahmen das Historische nicht nach. Sie bleiben erkennbar, präzise und still genug, damit die vorhandenen Räume ihre Wirkung entfalten können.

Daten zum Projekt

2019 Beauftragung nach einem europaweit ausgeschriebenen VgV-Verfahren
2020 Entwurfsplanung
2021 Genehmigungsphase und Fördermittelakquise
2022 Ausführungsplanung
2023-2026 Bauausführung; offizieller Baubeginn am 10. März 2023
27.08.2026 Feierliche Eröffnung des Zentrums Welterbe
Renaissance-Malerei nach Freilegung
Freigelegte und ergänzte Tausäule
Historisches Fachwerk
Bohlenstube mit freigelegter Renaissance-Malerei
Freigelegter Eisvogel; Maskottchen „Henri"

Sichern, was beinahe verloren war

Mit den Freilegungen zeigte sich zugleich die konstruktive Gefährdung des Ensembles. Über Jahrhunderte veränderte Tragglieder, unterbrochene Lastwege und geschwächte Gründungen hatten die ursprüngliche Ordnung beeinträchtigt. Bevor die neue Nutzung einziehen konnte, musste die Kurie wieder sicheren Stand gewinnen.

Dreidimensionale Stahlfachwerke wurden in den historischen Dachraum eingefügt. Geschossübergreifende Lastumlagerungen, zusätzliche Stahlstützen, ertüchtigtes Mauerwerk und Mikropfähle greifen zu einem eigens für diesen Bestand entwickelten Tragwerk ineinander.

Die konstruktive Sicherung entstand im Zusammenwirken von Befund, Raumkonzept, Restaurierung, Technik und Bauablauf. Gerade an diesen Übergängen bewährte sich die koordinierte Planung des Ganzen.

Die Stahlkonstruktion im Dachstuhl sichert die Bischofskurie

Neue Wege, geringe Eingriffe

Eine öffentliche Nutzung verlangt verständliche Wege, Barrierefreiheit, Brandschutz und eine leistungsfähige technische Infrastruktur. Die Erschließung wurde deshalb so geordnet, dass die empfindlichen Räume der Bischofskurie möglichst wenig belastet werden. Aufzug, zweiter Rettungsweg, Sanitärbereiche und wesentliche Teile der Haustechnik liegen im angrenzenden Funktionsbau des Domkirchners. Neue Übergänge binden ihn an die Kurie an und schaffen einen klaren Rundgang.

Gebäude-, Medien-, Sicherheits- und Veranstaltungstechnik ist in Nebenbereichen und eigens entwickelten Einbauten untergebracht. Sie trägt den Betrieb, ohne die historischen Räume zu beherrschen. So konnten die zentralen Bereiche barrierefrei erschlossen und die Eingriffe in die überlieferte Substanz auf das notwendige Maß begrenzt werden.

Architektur als Teil der Vermittlung

Auf rund 2.050 Quadratmetern Bruttogrundfläche entstand ein Ort für Information, Ausstellung, Bildung und Begegnung. Im Erdgeschoss empfängt ein offener Informationsbereich die Gäste des Doms und der Region.

Die mehrsprachige Ausstellung in den historischen Räumen des Obergeschosses wurde von denk mal architektur und dem von uns beauftragten Büro Steinert & Bitterling in enger Zusammenarbeit entwickelt und bis zur Umsetzung gemeinsam fortgeführt. Sie widmet sich dem Welterbegedanken, dem Naumburger Dom, dem Naumburger Meister und der Kulturlandschaft an Saale und Unstrut.

Der romanische Wohnturm gehört zum Rundgang; im Saalgeschoss steht ein multifunktionaler Raum für Vorträge, Workshops, Filme, Tagungen und kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung.

Die Ausstellung begegnet keinem neutralisierten Hintergrund. Freigelegte Zeitschichten, Oberflächen und Konstruktionen tragen die Erzählung mit. Der Ort vermittelt Welterbe deshalb nicht allein durch Exponate und Medien, sondern durch die unmittelbare Erfahrung seiner eigenen Geschichte.

Lapidarium

Hof, Lapidarium und Kuriengarten

Die Transformation endet nicht an den Außenwänden. Hof und Garten gehören zur räumlichen Folge des Zentrums Welterbe und binden die Bischofskurie neu in den Domplatz ein. Gartendenkmalpflege und Freiflächenplanung wurden durch denk mal architektur selbst erbracht. Der Hof wurde als offener Ankunfts- und Aufenthaltsort neu geordnet; eigene Erlebnisbereiche eröffnen auch Kindern einen unmittelbaren Zugang. Im neu errichteten Lapidarium finden historische Werksteine des Naumburger Doms einen geschützten Ort.

Aus den überlieferten Fragmenten entsteht keine bloße Sammlung, sondern ein anschauliches Archiv des Bauens am Dom.

Der historische Kuriengarten wurde auf Grundlage der denkmalpflegerischen Zielstellung wiedergewonnen. Instandgesetzte Umfassungsmauern, neu gefasste Gartenkanten und der restaurierte Pavillon geben dem Freiraum erneut Halt. Als öffentlich zugänglicher, geschützter Garten ergänzt er Ausstellung und Veranstaltungsbereiche um einen stilleren Ort. Architektur, Steinfragmente und Vegetation erzählen hier gemeinsam von Dauer, Veränderung und dem Weiterleben des Vorgefundenen.

Weiterbauen im Maß

Mit der Eröffnung am 27. August 2026 hat die Bischofskurie eine neue Aufgabe erhalten. Das ist kein Schlussstrich unter ihre Geschichte. Ein Denkmal bleibt erhalten, solange es genutzt werden kann – und wenn seine Widersprüche nicht geglättet werden.

Das Überlieferte ist als solches erkennbar, die Ergänzungen zeigen ihre eigene Zeit. Gemeinsam bilden sie einen Ort, der vom Welterbe nicht nur berichtet, sondern erfahrbar macht, wie sorgfältiges Weiterbauen gelingen kann. Das Maß dafür gab der Bestand.